Schlagfertig ?!

Corinna Armbrüster

 

Stau auf irgendeiner Autobahn in der abendlichen Rushhour. Da sitzt Herr Maurer im Auto auf dem Heimweg und ärgert sich noch im Nachhinein über einen Kommentar, den sein Kollege ihm heute am Telefon reingedrückt hat. Vor allem ärgert sich Herr Mauer, dass ihm schon wieder keine passende Retourkutsche eingefallen ist. Im Auto nebenan denkt Frau Keller an das Meeting von 15 Uhr: warum sind ihre Kollegen meist schneller mit Argumenten, um ihre Ideen zu vertreten? Jetzt im Auto fallen beiden eine Menge möglicher Antworten und scharfsinniger Kommentaren ein und gerne würden sie die Zeit zurück drehen können, um eine schlagfertige Antwort zu geben.

Entgegen der weitläufigen Meinung ist das, was wir Schlagfertigkeit nennen, nicht (nur) Begabung, sondern vor allem eine Frage der Übung. Schlagfertigkeit beruht zu großen Teilen auf Kreativität im Sprachgebrauch und der Fähigkeit, Situationen schnell aus anderen, vielleicht ungewohnten Perspektiven zu betrachten - und diese dann auch auszusprechen. So erleben wir Menschen als schlagfertig, die geschickt argumentieren, gelassen kontern können oder humorvoll sind.

In alltäglichen Situationen gehen wir meist nach einem bestimmten Ablauf vor, auf den wir uns eingestellt haben und den wir für „richtig“ halten. Wir stellen uns auf eine bestimmte Präsentation oder auf einen Gesprächsverlauf ein. Verläuft diese Kommunikation dann anders als erwartet, vielleicht sogar durch einen Angriff des Gegenübers, ist unsere Kreativität gefragt: Schnell heißt es, umzudenken, den geplanten Weg der Argumentation zu verlassen und Alternativen zu finden – am besten noch geistreich, den Einwand einbeziehend.

Hierbei ist es zwar erstrebenswert, durch einen ausgefallenen Kommentar aufzufallen, bedeutsamer ist es aber, die laufende Kommunikation auch bei solchen Störungen (oder wie N. Luhmann sagt: „Überraschungen“) weiter fortzusetzen: Souverän einen eigenen Fauxpas oder Kommentar des Gegenübers ins Gespräch einbauen und somit die Aufmerksamkeit bei sich als Redner und beim Thema behalten, damit die Kommunikation weiter läuft. Vor allem mit einer humorvollen Lösung gelingt die Distanzierung und die Situation wird entschärft. So ist unter Schlagfertigkeit in erster Linie keine aggressive, sondern zu großen Teilen eine deeskalierende Gesprächstechnik zu verstehen.

Aus psychologischer Sicht kommt hier die Handlungsorientierung mit ins Spiel. Gemeint ist das Bewusstsein, Situationen beeinflussen zu können und sich nicht als Opfer zu fühlen. Schlagfertigkeit hat mit dem Selbstbewusstsein zu tun, in Gesprächen ein Risiko eingehen zu können und sich weniger von der Angst zu Scheitern leiten zu lassen. Es geht darum, sich selbst Alternativen aufzuzeigen und nicht zu verzweifeln.

Das Angebot von „Techniken der Schlagfertigkeit“ ist vielfältig und bietet zahlreiche Anregungen. Eine Möglichkeit Zeit zu gewinnen und die Rollen des Angreifers und des Verteidigers zu vertauschen ist es, Gegenfragen zu stellen: Kollege: „Sie haben ja ganz schönes Chaos in Ihren Unterlagen!“ – Herr Maurer: „Wie schaffen Sie es eigentlich, stets Ordnung zu bewahren?“ Die Kunst ist es hier, mit der Gegenfrage gezielt das Handeln des Gegenübers anzusprechen – die Aufmerksamkeit also auf ihn zu lenken und sich nicht in eine Argumentation zu begeben, die Zeit und Energie kostet.

Gerne werden auch pauschalisierende Vorwürfe als verbale Angriffe verwendet: „Frau Keller, immer müssen Sie unsere Ideen bremsen“. Als Taktik gilt hier, den Vorwurf für sich neu zu definieren und zuzustimmen: „Wenn Sie mit Ideen-Bremse meinen, dass ich die Dinge zuerst gründlich durchdenke, bevor ich zustimme, bin ich eine.

Vor allem gehört zur Schlagfertigkeit dem Impuls zu widerstehen, sich zu rechtfertigen oder zu erklären. Manchmal ist es wirkungsvoller, bestimmt und freundlich zu sagen „Ja, da haben Sie vollkommen recht“ oder „Ja, genau so habe ich das gemeint“, als sich in Erklärungen zu verstricken.
Besser noch, als „fertige Antworten“ auswendig zu lernen ist es, die eigene Handlungsfähigkeit in Gesprächen, den eigenen kreativen Sprachgebrauch zu trainieren. Dazu eignen sich Übungen, die aus dem Improvisationstheater entliehen sind:

Variationen ausprobieren: Nehmen wir die oben geschilderten Situationen im Auto: der Kollege hat Herrn Mauer vorgeworfen, dass sein Projekt schon zu lange dauere und viel zu viele Kapazitäten binde. Seine Organisationskompetenz sei wohl nicht ausreichend. Anstatt sich (nur) darüber zu ärgern, ist es eine Methode, die Reaktionsmöglichkeiten, die im Nachhinein einfallen, laut auszusprechen und dabei die Betonungen, Lautstärke oder auch die Formulierungen zu variieren. Durch diese Abwandlungen trainieren Sie ihre Handlungsfähigkeit und erkennen, was zu Ihnen passt und was eher nicht: „Wäre es Ihnen lieber, die Gelder für einen Schnellschuss in den Wind zu schießen? Wie läuft es denn bei Ihnen“, – „Sie haben völlig recht, ich würfele schon seit Wochen – könnte Ihnen auch helfen.“ Vielleicht erscheint eine Antwort als zu gewagt, eine andere als zu schüchtern oder aber als genau richtig. Auf diese Weise nutzen Sie die Gedanken im Nachhinein und testen für sich aus, welche Reaktionen wirklich produktiv sind. Haben Sie diese Antwortvarianten in Ihrem geistigen Repertoire, wird es Ihnen leichter fallen, diese auch in der passenden Situation auszusprechen.

Machen Sie sich einen Sport daraus, für die kleinen Entscheidungssituationen des Alltags stets drei Alternativen nennen zu können. Dadurch trainieren Sie, spontan in einer Verhandlung weitere Ideen anbringen zu können und handlungsfähig zu bleiben.

Assoziieren im Alltag: Assoziationen helfen, wenn die Worte fehlen. Gekonntes assoziieren ermöglicht es, den Black-Out zu überwinden und den Faden des Gespräches wieder aufzunehmen. Auch hier geht es darum, nicht nur den einen „richtigen“ Weg zu akzeptieren, sondern viele verschiedene Varianten der Argumentation als Möglichkeit zu sehen. Gerade der Einsatz von Metaphern und Bildern kann diese Perpsktiverweiterung erleichtern. Assoziationen zu generieren, um sie gekonnt in Diskussionen einzubauen, gleicht einem „Gedanken-Stretching“: Trainiert wird, für Gegenstände, Sachverhalte oder auch Argumentationslinien ungewohnte Vergleiche oder Zuschreibungen zu finden. So können Sie z.B. innerhalb einer Rot-Phase an der Ampel so viele Assoziationen wie möglich zu dem Fahrzeug vor Ihnen oder aber zu einer Idee des Kollegen, oder zu der letzten Moderation des Radiosprechers finden. Scheuen Sie sich nicht, unrealistische Ideen zu entwickeln denn es geht ja darum, den Ideenhorizont zu weiten. Als Vorbereitung für ein Gespräch ist es sinnvoll, Metaphern zu wichtigen oder auch heiklen Themen schon in der Vorbereitung zu generieren, um sie später in die Argumentation mit aufnehmen zu können.

Das Trainieren des kreativen Sprachgebrauchs steigert die Varianz an Reaktionsmöglichkeiten und damit die Sicherheit, in Kommunikationssituationen nicht aus der Bahn geworfen zu werden. Die Schlagfertigkeit gibt es gratis dazu.

Kuhl, J. (2009). Die Kunst der Selbstmotivierung: Neue Erkenntnisse der Motivationsforschung praktisch nutzen. 3. und erweiterte Auflage. Stuttgart: Kohlhammer.
Luhmann, N. (2008). Ökologische Kommunikation. 4. Auflage. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften.
Pöhm. M. (2004). Nicht auf den Mund gefallen!: So werden Sie schlagfertig und erfolgreicher. München: Goldmann Verlag.
Teufert, G. (2009). Schlagfertigkeit für Dummies. Weinheim: Wiley-VCH Verlag.


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