Das Geheimnis des gelingenden Spiels
Zwei Menschen stehen auf der Bühne, davor sitzt das Publikum. Einer von den beiden auf der Bühne bittet die Leute im Publikum irgendein Stichwort zu nennen, das ihnen jetzt gerade einfällt und zu dem sie eine Szene erleben möchten. Der erste aus dem Publikum, der nun etwas sagt, gibt das Thema vor. Vielleicht ruft er: „Beim Bäcker“ oder „Szene zwischen zwei Ministerialbeamten“ oder „Inflagranti ertappt.“ Was immer das erste Stichwort ist, die beiden auf der Bühne werden dazu eine Szene spielen. Sie haben sie nicht zuvor geprobt, es gibt keine feste Dramaturgie dazu, das Thema war nicht bekannt.
Das, was dann auf der Bühne passiert, kann mehr oder weniger lange dauern: vielleicht eine Minute, vielleicht zwei, vielleicht fünf oder sogar länger. Auch das ist vorher nicht klar. Es geht, solange es geht - solange sich die Szene lebendig, spannend, überraschend, witzig, interessant weiter entwickelt. Und das spüren die beiden Akteure im Spiel miteinander und das spürt natürlich auch das Publikum, das auf die Szene reagiert, z.B. indem heftig gelacht wird, indem man den Atem anhält oder aber indem die Reaktion verhaltener wird, was auch die beiden auf der Bühne wiederum beeinflusst.
All dies könnten Sie erleben, wenn Sie Improvisationstheater sehen. Wer Improvisationstheater kennt, weiß, dass diese Form des Theaters packender und fesselnder sein kann als manches einstudierte Stück. Und das hat ganz wesentlich mit der Kraft der Spontanität und dem Fluss des Spiels zu tun, das daraus entsteht. Es kann so aussehen, als würde ein solches Spiel sich ganz wie von selbst entfalten, und in gewisser Hinsicht tut es das auch; denn im Improvisationstheater gilt der Grundsatz: Was auch immer das Angebot ist, das ein anderer – ein Mitspieler oder jemand aus dem Publikum – Dir macht, nimm es an und greif es auf. Versuch nicht zu planen, was kommen könnte oder Dir ‚originelle‘ Antworten zu recht zu legen. Ignoriere nicht, was kommt, werte es nicht ab oder geh dagegen, um es umzulenken oder auf andere Bahnen zu bringen. Nimm es einfach so, wie es kommt und sag oder tu das erst Beste dazu, was Dir gerade einfällt. Dann wird die Sache schon ins Laufen kommen – und falls nicht, ist es auch nicht schlimm, da man dann einfach mit einem neuen Stichwort frisch starten kann. Dies ist das Geheimnis gelingender Improvisation.
Man braucht keine grandiose Schlagfertigkeit oder ein weit gespanntes Witzarsenal, damit lebendige Improvisation auf der Bühne entsteht. Was man aber braucht, ist die Lust am Spiel, am gemeinsamen Spiel; und man braucht für gewöhnlich auch eine Art von Training, denn ‚einfach‘ nur anzunehmen, was kommt, es aufzugreifen und in der Situation weiter zu führen, ist natürlich viel leichter gesagt als getan. Für gewöhnlich tun wir eher das Gegenteil: wir planen, legen uns die Dinge zurecht, haben unsere Vorstellungen, wie es zu laufen hat und sind ziemlich geübt darin, das, was diesen Vorstellungen nicht entspricht, umzulenken, abzulenken, zu negieren oder zu ignorieren.
Von daher ist das Annehmen dessen, was da ist, anspruchsvoll. Es erfordert die Bereitschaft Erfahrungen zu sammeln wohl wissend, dass es sehr bunte und unterschiedliche Erfahrungen sein werden. Es erfordert das Vertrauen in sich, dass man – auch ganz unvorbereitet – etwas Brauchbares zustande bringen kann. Es erfordert das Vertrauen in die Anderen und in die Situation, dass, auch wenn gar nicht so recht klar ist, wie es weitergehen wird, man die Chance hat, es miteinander so zu gestalten, dass es gut werden wird. Und es erfordert nicht zuletzt auch die Bereitschaft mit dem nicht so Originellen und Gelungenen zu leben, es schlicht als mehr der weniger und manchmal auch recht großen Teil des Ganzen in Kauf zu nehmen und, wenn es vorkommt, unverdrossen ‚auf ein Neues‘ weiterzumachen.
All dies immer besser zu lernen, kann ein lohnendes Projekt sein: denn auf der Bühne des Theaters eröffnet es einem die Freude gelingender Improvisation und auf der Bühne des Lebens die Chance auf Kooperation, Produktivität, Lust und Lebendigkeit. Das Grundprinzip ist dabei dasselbe: schätze, was da ist - was auch immer es ist, was passiert, was Dir angeboten wird, was Du vorfindest. Dieses Prinzip bedeutet im Kern folgendes:
Was auch immer da ist, nimm es als Teil Deiner Realität, so wie sie jetzt ist und geh davon aus, dass Du es so aufgreifen kannst, dass sich daraus etwas Sinnvolles, Fruchtbares, Nützliches entwickeln lässt!
Dies, so könnte man sagen, ist das Geheimnis gelingenden (Zusammen-)Spiels: so seltsam einfach, so voller Herausforderungen, so schlicht und komplex zugleich.
Es wird immer gleich ein bisschen anders, wenn man es ausspricht.
Hermann Hesse


