Die großen und die kleinen Steine oder über den Sinn eines reichlich altmodischen Begriffs
Stefan Hölscher
Von dem amerikanischen Selbstmanagement-Experten Stephen Covey stammt das Bild, dass, wenn man ein Gefäß mit begrenztem Volumen hat – Sinnbild für das eigene Leben oder auch die Existenz einer Organisation – und es verschiedene Steine gibt, die in dieses Gefäß hineingetan werden können, größere und kleinere – als Sinnbild für Wichtiges und weniger bzw. nicht Wichtiges – wir dann gut beraten sind, zuerst die größeren Steine in das Gefäß zu tun und es anschließend mit den kleineren, die überall noch dazwischen passen, aufzufüllen, weil, wenn wir andersherum vorgehen würden, wir offensichtlich Gefahr liefen, dass die größeren Steine, also die wichtigen Dinge, gar keinen (rechten) Platz mehr finden, weil alles bereits mit kleinen Steinen angefüllt ist. Covey’s Bild soll uns daran erinnern, wie zentral es ist, die richtigen Dinge zu tun, anders ausgedrückt auf Effektivität zu achten. Unterschieden wird dies von einer Haltung, in der es vor allem darum geht, die Dinge effizient, d.h. möglichst wirtschaftlich und richtig zu tun, wobei man wenig reflektiert, ob das, was in dieser Weise getan wird, überhaupt die richtigen Dinge sind.
Dass es, wenn man größere Hebelwirkungen entfalten will, darum geht, das Effektive effizient zu tun und dass Effizienz an sich nicht automatisch Effektivität bedeutet, ist wichtig zu sehen. Wenn wir daher als management- und selbstmanagementerfahrene Zeitgenossen immer mehr gelernt haben, beides miteinander zu verbinden, also zu fragen, was welche Priorität verdient, was im Fokus sein sollte, was die Effektivität optimiert und den dabei aufgebrachten Ressourceneinsatz rationalisiert, um so noch mehr effiziente Effektivität zu ermöglichen, so könnte man mit Fug und Recht sagen: „Wir haben die großen Steine im Blick - und das ist gut so“ denn die richtigen Dinge richtig zu tun, ermöglicht Qualität und Erfolg.
Und gleichzeitig gibt es da offenkundig noch etwas anderes, das Einfluss darauf hat, welche Qualität wir in dem, was wir tun, erleben. Und dieses andere hat möglicherweise gar nicht so viel mit der Größe der Steine zu tun, mit denen wir hantieren, sondern damit, wie wir mit ihnen hantieren und wie wir sie betrachten. Bei aller Differenzierungsbedürftigkeit zwischen dem Streben nach Effektivität und dem Streben nach Effizienz gibt es nämlich auch eine nicht unerhebliche Gemeinsamkeit zwischen beidem, und das ist ein Denken in Zweck-Mittel-Relationen und funktionaler Zielgerichtetheit.
Unser Erfolg, unser persönlicher Erfolg, der Erfolg unserer Organisationen und der Erfolg des wirtschaftlichen Systems, in dem wir uns bewegen, basiert maßgeblich auf unserer Fähigkeit zu funktional zielgerichtetem Handeln. Unablässig gefordert, der hohen Komplexität, den heterogenen Erwartungen, den beständigen Veränderungen und Turbulenzen unserer Welt wirksam zu begegnen, haben wir diese Fähigkeit immer noch weiter perfektioniert: Total Quality Management, Prozessoptimierung, Continuous Improvement Process, strategische Neupositionierung, (Re-)Fokussierung, Reengineering, Outsourcing, Offshoring … das sind nur einige der unzähligen Begriffe, die für das beständige Bestreben nach immer effektiverer Effizienz und immer effizienterer Effektivität stehen in den Organisationen, in denen wir uns bewegen.
Und auch im Persönlichen und Privaten sind viele von uns längst mit einer ähnlichen Geisteshaltung unterwegs: Der trotz größter Arbeitsbelastung noch regelmäßig integrierte Gang ins Fitnessstudio, der der Erhaltung und Steigerung der körperlichen Leistungskraft, Attraktivität und Frische dient, der professionell getaktete sonntägliche Familienausflug, das vorweihnachtliche 1,3 Tage Premium Shoppingwochenende in Paris, Rom oder London, der nach dem zehnstündigen Arbeitstag noch minutiös platzierte Opern- oder Konzertbesuch – all das und vieles, vieles mehr erfolgt hochgradig effizienz- und effektivitätsoptimiert. Wir wissen, dass unsere Zeit mehr als knapp ist, dass Gesundheit, persönliche Interessen und relevante Beziehungen aber trotz aller Arbeit zu ihrem Recht kommen müssen und – wenn wir natürlich auch weit entfernt von dem sind, was wir als umfassende ‚Work-Life-Balance‘ empfinden würden – so planen wir doch auch für unsere persönlichen Belange das ein, was gut und wichtig ist: zielgerichtet und effizient.
Fast alles wäre dabei gut und schön, wenn einen nicht von Zeit zu Zeit das Gefühl beschleichen würde, dass so auch die Freizeit recht anstrengend sein kann und dass, selbst wenn man alles noch effektiver managen und noch mehr Raum für die persönlichen Aktivitäten schaffen würde, es doch nicht reicht, um wirklich zufrieden und in Balance zu sein. Und natürlich wird man sich dann sagen, dass eben auch mehr Zeit noch nicht Zeit genug wäre und man außerdem ja auch so viele verschiedene Dinge schätzt und liebt und braucht, dass, wenn man das eine tut, dann zugleich das andere leidet, so dass es gar nicht so leicht ist, es sich selber, geschweige denn auch noch den anderen richtig recht zu machen. Und nun könnte man getreu dem Sinnbild von den Steinen wieder anfangen zu überlegen, ob man nicht gewisse große Steine übersehen oder für kleine Steine gehalten hat – um so die Effektivität noch effektiver zu effektivieren.
Doch selbst dann, und selbst wenn man dies immer noch weiter optimiert, bleibt das Gefühl: etwas fehlt. Und vielleicht liegt dies ja daran, dass das, was hier fehlt, auf einem ganz anderen Schauplatz spielt als dem der Effektivität und dass dies möglicherweise gerade ein Schauplatz des Nicht- Effektiven und Nicht-Effizienten ist. Wir kennen noch dieses ziemlich altertümelnde Wort, das man auch im Duden finden kann, auch wenn es heute kaum noch im Gebrauch ist, weil es so sehr die Assoziation weckt, dass man kein Programm, sondern einfach zu viel Zeit hat, dass man nicht flächendeckend verplant und also nicht wirklich wichtig ist: Muße.
Muße ist freie, ungetaktete Zeit, Zeit, um irgendetwas zu machen oder auch nur einfach da zu sitzen. Z.B. Zeit, ein paar Minuten lediglich aus dem Fenster zu gucken und nichts anderes zu tun, als nur zu sehen, was man sieht oder spazieren zu gehen und nichts anderes zu tun, als zu gehen, zu sehen, zu hören, zu riechen und ein paar Gedanken an sich vorbeiziehen zu lassen oder einen halben Tag einfach so vergehen zu lassen, ohne das groß etwas passiert und ohne nennenswertes Programm. Muße kann die Sinne für das schärfen, was ist und manchmal kann man die Zeit und all die Zwecke und Mittel und Ziele (fast) dabei vergessen, wobei dies am ehesten dann geschieht, wenn man sich nicht darum bemüht, sondern sich bloß dem hingibt, was da ist. Es ist nicht leicht, Muße zu haben, wenn es so viele große und kleine Steine gibt, die man doch so gerne irgendwo hinein füllen möchte; und vielleicht wird man sogar auf den einen oder anderen Stein verzichten müssen, wenn es einem mit der Muße Ernst ist.
Es ist gut, auf Effektivität zu achten und die wichtigen Dinge für sich zu finden und konsequent zu beachten. Ohne das wäre unser Leben deutlich flacher. Vielleicht ist es aber zugleich auch so, dass das Effektive, um sich wirklich entfalten zu können, gelegentlich auch das ganz andere braucht, die Muße, den Müßiggang, die freie ungefüllte und ungetaktete Zeit, auch wenn das mitunter fast bedrohlich nutzlos erscheinen mag.
Es wird immer gleich ein bisschen anders, wenn man es ausspricht.
Hermann Hesse


