“Da hab ich nur noch rot gesehen …“ Verzerrte Wahrnehmung in Konfliktsituationen

Dr. Martin Seip

Gefühle sind universelle Begleiter von Verhalten und Erleben. Konflikte markieren in diesem Sinne Situationen, die besonders häufig von intensiven emotionalen Episoden begleitet werden: wir erleben uns wütend ob eines ungerechtfertigten Angriffs; heftige und schwer zu kalkulierende 'Ausbrüche' unserer Mitmenschen können Angst auslösen.

Anekdoten zu Konflikterlebnissen geben darüber hinaus eindeutige Hinweise auf die Wechselwirkung von Gefühl und Denken. Je nach aktueller Gefühlslage nehmen wir die Welt um uns herum in einer Art und Weise wahr, dass sie passend erscheint zu dem 'inneren' Geschehen. Unpassendes wird zu diesem Zwecke ausgefiltert. Wir erkennen nicht mehr eine mitunter widersprüchliche Vielfalt von Eindrücken. Vielmehr erscheint das, was wir sehen und hören, stimmig und im Einklang mit unseren Erwartungen. Gefühle lenken (nicht nur in Konfliktsituationen) die Aufmerksamkeit. Sie wirken wie der Scheinwerfer auf der Bühne: hell und klar erscheinen diejenigen Aspekte, die im Einklang stehen mit der eigenen Stimmung. Dunkel und fast unsichtbar bleiben die Gesichtspunkte des aktuellen Geschehens, die nur schwer mit den vorherrschenden Gefühlen zu vereinbaren sind.

In Spannungssituationen ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass es zu einer Wahrnehmung der Umwelt kommt, die 'emotionskompatibel' ist. Dieses Bild von der Welt ist jedoch häufig weit entfernt von einer im Sinne eines konstruktiv-produktiven Vorgehens optimalen Ausgangslage. Gefühle können uns das Leben auf diese Art und Weise schwer machen, indem sie systematisch für eine Spannungen verstärkende und möglicherweise auch Konflikt steigernde Sichtweise sorgen.

Im Folgenden sollen einige dieser Verzerrungsmuster in ihrer Gestalt und Funktionsweise beschrieben werden, die besonders charakteristisch sind für Konfliktsituationen.

Eingeschränkte Sicht
Ein in Konfliktsituationen geradezu klassisches Wahrnehmungsmuster ist das der eingeschränkten Sichtweise auf das momentane Geschehen, der berühmte ‚Tunnelblick‘. Wir erkennen Gründe und somit Rechtfertigungen für unseren Ärger. Positive Anregungen werden übersehen, Lösungsangebote werden konsequent ausgeschlagen. Je heftiger eine Auseinandersetzung gedeiht, desto mehr schränkt sich der Fokus der Aufmerksamkeit auf Konflikt unterstützende und somit letztlich eskalierende Wahrnehmungen ein.

Selbstbezogenheit
Das Verhalten des Konfliktkontrahenten wird oftmals eindeutig als gegen die eigene Person gerichtet interpretiert. Sehe ich, wie der Kollege, mit dem ich einen Streit habe, mit anderen Kollegen scherzt, so ist mir klar, wer Ursache der Heiterkeit ist: ich selbst. Die Verhaltensweisen der Mitmenschen werden so gedeutet, dass ihnen eine destruktive Absicht unterstellt wird. Unter dem Gesichtspunkt der Aufwertung der eigenen Person ist dies eine effiziente Strategie. Im Hinblick auf produktive Bearbeitung der Konfliktthematik stellt sie ein echtes Hindernis dar.

Selektive Abstraktion 
Ein differenziertes Urteil der 'gegnerischen' Konfliktpartei wird zerlegt und aus dem Gesamtzusammenhang heraus genommen. Die anschließende Interpretation orientiert sich an dem vorherrschenden Bild, das von der Konfliktpartei vorherrscht. Beispielsweise kann aus der Äußerung, man sei in der Lage, ein hohes Tempo an den Tag zu legen, lasse es jedoch ab und zu an der gewünschten Gründlichkeit mangeln, den selektiven (Fehl-)Schluss ziehen, der Kollege sehe in uns einen schlampigen und unzuverlässigen Mitarbeiter.

Willkürliche Schlussfolgerung
Es fällt uns leicht, in einer generell aufgeheizten Situation Urteile zu fällen, die jeglicher logischen Grundlage entbehren. Und dennoch sind wir von der Schlüssigkeit dieser Erkenntnisse unerschütterlich überzeugt. "Wie findest Du das? – Hmmm ..." Das Schweigen meines Partners auf die Frage nach dessen Sicht auf meine Erfolge wird als eindeutige Antwort entschlüsselt: "Der gönnt mir nicht meinen Erfolg!". Diese Schlussfolgerung kann Tatsachen schaffen und somit eine eindeutige Voraussetzung für unsere nächsten Schritte darstellen. Die andere Seite wird selten aufgeklärt über die eigenen Gedankengänge, gleichwohl wird sie konfrontiert mit den dazu gehörigen Konsequenzen. Paul Watzlawick hat diesem Phänomen mit der „Geschichte vom Mann mit dem Hammer“ ein Denkmal gesetzt.

Gegensatzdenken
Die Wahrnehmung der aktuellen Konfliktsituation präsentiert sich den Betroffenen häufig als ein 'Entweder-Oder'. Die einzelnen Alternativen werden so lange radikalisiert, bis sie sich vollständig ausschließen. Der Klassiker lässt sich mit der Formel "Er oder ich!" beschreiben. Der dahinter liegende Nutzen einer derartigen Operation ist sicher in der Erleichterung einer notwendigen und zeitnah anstehenden Entscheidung zu sehen. Die Konsequenz ist, dass ein derartiges Denken sogenannte 'Sowohl-als-auch-Lösungen' mehr als unwahrscheinlich macht. Gegensatzdenken ist eine (unbewusste) Strategie, die kaum dazu geeignet ist, weitsichtige und den Gegenstandpunkt einschließende Lösungen zu entwickeln.

Die beschriebenen Denkmuster und Verzerrungen der Wahrnehmung lassen sich als Folge unangenehmer Gefühle (nicht nur) in Konfliktsituationen auffassen. Sie sind gleichzeitig in hohem Maße geeignet, solche Gefühle zu verstärken.

Unsere eigene Wahrnehmung der Welt ist 'hausgemacht' und steht in einem engen Zusammenhang mit unserer aktuellen Situation. Die uns als solche erscheinende 'Realität' ist nicht viel mehr als die Folge eines kreativen Deutens der Informationen aus der Umwelt. Das Wissen über die Folgen solcher immer plausibel erscheinenden und häufig dem Selbstwert dienlichen Interpretationen kann uns in Konflikten kompetenter machen, indem es uns vor Fehlschlüssen bewahrt und uns drängt, die Welt als das zu akzeptieren, was sie ist: komplex.