Auf persönliche Angriffe angemessen reagieren
In Präsentationen, Besprechungen, Diskussionen und anderen Gesprächen kommt es immer wieder vor, dass Menschen sich persönlichen Angriffen ausgesetzt sehen, also Beiträgen anderer Personen, die die sachliche Ebene verlassen und sich auf der emotionalen persönlichen Ebene einen Angriffpunkt suchen.
Persönliche Angriffe sind besonders deswegen schwer zu kontern, weil sie meist überraschend auftauchen und weil sie typischerweise destruktiver Natur sind. Sie zielen darauf ab, eine Person zu verunsichern und ihr Selbstwertgefühl zu beeinträchtigen. Diese wenn auch vorübergehende Schwäche wird dann genutzt, um das eigene Ziel und die eigenen Interessen durchzusetzen. Meist geht es um Interessenskonflikte, um Konkurrenz oder um Machtpositionen.
Persönliche Angriffe sind dann besonders wirkungsvoll, wenn sie auf einen ‚wunden Punkt’ beim Gegenüber treffen. Diese verwundbaren Stellen sind bei jeder Person verschieden und hängen mit dem eigenen Selbstwertgefühl und der eigenen Lebensgeschichte zusammen. Der Angegriffene soll das Gefühl bekommen, unterlegen und nicht kompetent zu sein, nicht gemocht zu werden, nicht gut auszusehen, sich nicht genug angestrengt zu haben usw. Je nach persönlicher Verletzlichkeit steigt das Stress-Niveau und es wird entsprechend schwieriger, die Ruhe zu bewahren und sich weiter in der Situation zu behaupten.
Häufige Formen des persönlichen Angriffs sind:
- Provokation
“Als ob aus Ihrem Bereich schon jemals eine vernünftige Lösung gekommen wäre!“ „Totaler Unsinn, was Sie da als Strategie bezeichnen. Sie wollen sich doch nur profilieren!“ „Sonst ist Ihnen wohl nichts eingefallen?“ - Einschüchterungsversuche
“Dafür werde ich Sie persönlich belangen!“ „Mal hören, was Ihr Chef sagt, wenn er davon erfährt.“ „Wenn das nicht läuft, haben Sie aber ein ernsthaftes Problem.“ - Abwertung, Beleidigung
„Das können Sie doch gar nicht beurteilen!“ „“Alles Nieten in Ihrer Abteilung.“ „Wie sehen Sie denn heute überhaupt aus?“ - Witze auf Kosten des Angegriffenen
- Angriffe auf die persönliche Glaubwürdigkeit
“Sie haben das doch letztes Mal auch nicht geschafft. Warum sollte es wohl dieses Mal funktionieren?“
Die Gefahr in diesen Situationen besteht darin, reflexhaft, ohne Nachzudenken auf persönliche Angriffe und Sticheleien anzuspringen, so dass das eigentliche Thema aus dem Blickfeld gerät.
In Kontexten, in denen keine dauerhafte Abhängigkeit voneinander vorliegt, kann man schlagfertig mit einem Gegenangriff auf der persönlichen Ebene reagieren. Allerdings hat das den Nachteil, dass die Atmosphäre (weiter) leidet und ein konstruktives, sachliches Miteinander noch schwieriger wird. In einem Umfeld, in dem ein dauerhaftes miteinander Auskommen gefragt ist, ist es stattdessen sinnvoll, zu versuchen, das Gespräch wieder auf eine sachliche Gesprächsebene zurück zu lenken.
Grundsätzlich sind je nach gewünschtem ‚Härtegrad’ folgende Abstufen der Reaktion denkbar:
- Ignorieren des persönlichen Angriffs,
d.h. entweder so zu tun, als ob man ihn nicht wahrgenommen hätte oder sich auf den eventuell vorhandenen sachlichen Teil des gegnerischen Beitrags zu fokussieren, ohne auf den persönlichen Angriff näher einzugehen. - Den persönlichen Angriff registrieren, ihn jedoch nicht weiter vertiefen und auf der Sachebene weiter kommunizieren.
„Mir scheint, das führt uns zu einem anderen Thema. Ich würde gern wieder zurückkommen zu ….“ - Benennung des persönlichen Angriffs und versuchen, das dahinter liegende Bedürfnis zu verstehen
„Ich bin überrascht, dass Sie das Thema unter diesem Gesichtspunkt betrachten. Wie ergibt sich da für Sie der Zusammenhang?“ - Auf den persönlichen Angriff eingehen, die eigenen Gefühle ausdrücken, sich abgrenzen und im Sachthema weitermachen
„Ihre Aussage kränkt mich persönlich. Auf diese Diskussionsebene möchte ich mich jetzt nicht einlassen, weil uns das in der Sache nicht weiterbringt. Lassen Sie uns zurückkommen zu…“ - Auf den persönlichen Angriff eingehen und sich abgrenzen, Kommunikation auf der Metaebene
“Ich fühle mich mit Ihrer Aussage persönlich angegriffen. Können wir darüber sprechen, worum es hier eigentlich geht?“ - Abbruch der Kommunikation
„Das geht gegen meine Ehre! Auf diese Weise möchte ich nicht mit Ihnen weiterreden.“
Das Fazit heißt also: Ruhe bewahren, die Verletztheit einen Moment lang aushalten und trotzdem dabei handlungsfähig bleiben (tief durchatmen; bis 10 zählen oder ähnliches). Dem Angreifer möglichst keine zusätzliche Angriffsfläche bieten und idealerweise auf der Sachebene bleiben oder wie oben beschrieben wieder zu ihr zurückzukehren.
Es wird immer gleich ein bisschen anders, wenn man es ausspricht.
Hermann Hesse


