Von der Notwendigkeit, Gewissheiten durch Vertrauen zu ersetzen
Wer in den letzten Monaten das Programmangebot des Deutschen Fernsehens verfolgt hat, dem konnten gleich mehrere Sendungen auffallen, die sich mit dem Leben von vor 50 oder 100 Jahren beschäftigt haben (z.B. „Abenteuer 1900 – Leben im Gutshaus“, ARD). Es fällt schwer sich vorzustellen, wie es ist, in einer traditionellen Welt mit so fest gefügten Ordnungen und Werten zu leben. Niemand von uns war vor 100 Jahren auf der Welt, wohl aber viele unserer Groß- und Urgroßeltern. Der Kontrast zu heute ist dramatisch. Wahrscheinlich gab es in der Menschheitsgeschichte noch keinen Zeitabschnitt, in dem sich die Alltagswelt in so kurzer Zeit so fundamental verändert hat. Innerhalb sehr weniger Generationen mussten die Menschen scheinbar unumstößliche Gewissheiten und Sicherheiten aufgeben und sich stattdessen der unüberschaubaren Dynamik und Unsicherheit des modernen Lebens stellen.
Ein solcher Prozess kann nicht von heute auf morgen gelingen. In den 50er und 60er Jahren war vieles noch so wie früher, in den 70er und 80er Jahren ließ sich immer noch manches wieder erkennen, und selbst heute finden sich nennenswerte Spuren und Überreste in den Vorstellungen und Einstellungen vieler Menschen. Die Erfahrungen und Ratschläge unserer Eltern, die sie teilweise selbst von ihren Eltern übernommen haben, bestimmen, teils mehr, teils weniger, unser aktuelles Lebensgefühl mit. Zwar wünscht sich kaum jemand die alten Verhältnisse wieder zurück, aber manche stillschweigenden (und regelmäßig enttäuschten) Hoffnungen und Erwartungen oder diffuse Ängste zeigen, dass viele Menschen in der fluiden, postmodernen Gesellschaft noch nicht angekommen sind. Deutlich zeigt sich das bei Veränderungsprozessen, sei es in Organisationen oder im großen gesellschaftlichen Rahmen. Die allgemeine Entgrenzung der Welt, der allumfassende Wertewandel, der Pluralismus und die Individualisierung zwingen die Menschen dazu, innere Ordnungen aufbauen, die die alten äußeren Ordnungen ersetzen können. Es gibt keine andere Wahl. Jedoch ist das keineswegs leicht und gelingt auch nicht immer. Nicht zuletzt deshalb sind viele Menschen leicht verführbar und hysterisierbar, wenn die an sie gerichteten Botschaften nur einfach genug und mit den „richtigen“ Emotionen gewürzt sind.
Der Wegfall fundamentaler Orientierungen und Gewissheiten machte für manche überraschend deutlich, dass die Zukunft keineswegs festgelegt, sondern prinzipiell offen und gestaltbar ist. Diese Erkenntnis verursacht innere Spannung und zwingt dazu, überkommene Gewissheiten durch Annahmen zu ersetzen. Dabei hat jeder die Wahl: Er kann sich für positive Annahmen entscheiden, dann zeigt er Vertrauen. Oder er wählt negative Annahmen, dann mangelt es ihm an Vertrauen. Für beide Möglichkeiten gibt es in der Regel gute Gründe. Es lässt sich auch nicht sagen, dass die eine an sich „richtiger“ ist als die andere. Aber die Folgewirkungen sind je nachdem, wie man sich entscheidet, völlig verschieden. So hängt es von dem Vertrauen des einzelnen ab, ob die aus Ungewissheit resultierende Spannung zu einem lustvollen Gefühl der Herausforderung wird, oder ob aus der Spannung ein ständiges Gefühl der Überforderung entsteht. Positives Vertrauen bezieht sich auf sich selbst („Natürlich werde ich den Anforderungen genügen“), auf andere („ich kann mich auf die Menschen in meiner Umgebung verlassen“) und auf den allgemeinen Lauf der Dinge („die Zukunft wird es letztlich gut mit mir meinen“). Positives Vertrauen nährt und verstärkt sich selbst. Auf dieser Grundlage können stabile innere Orientierungen wachsen. Damit ist kein naiver, unkritischer Kinderglaube gemeint, aber die Überzeugung, dass letztendlich und auch durch eigenes Tun „alles gut“ werden wird. Fehlendes Vertrauen bedeutet dagegen einen Mangel an Sicherheit, Orientierung und Geborgenheit. Dadurch entsteht Angst, die sich ebenfalls selbst verstärken kann. Wer Angst hat, der wird eng im Denken, Fühlen und Handeln. Seine Wahrnehmung wird verzerrt und er blendet systematisch Wirklichkeitsbereiche aus. Oder er fällt auf frühere, unreife oder gar archaische Verhaltensweisen (Flucht, Angriff, Erstarrung) zurück. In einer solchen Verfassung ist er nicht in der Lage, kreative und angemessene Antworten zu finden. Der Aufbau stabiler innerer Orientierungen wird nicht gelingen.
Ängstlichen Menschen muss es gelingen, (wieder) Vertrauen aufzubauen. Wenn sie von wichtigen Personen Verständnis und Respekt erfahren, bildet sich dafür bereits eine Basis. Auf dieser Grundlage kommt es vor allem auf Folgendes an:
- Verlässlichkeit, und zwar einerseits im Hinblick auf organisationale Rahmenbedingungen (z.B. regelmäßige Treffen und Agendapunkte oder wiederkehrende Rituale und Symbole), und andererseits im Hinblick auf die soziale Umgebung (Vorgesetzte, Kollegen, Freunde und Partner).
- Ein wachsendes Gefühl der Selbstwirksamkeit. Es entsteht vor allem durch Erfolgserlebnisse aufgrund eigener planvoller Aktivitäten. Hierbei hilft es, wichtige Personen als Vorbilder zu haben. Deren Beispiel im Tun und in Bezug auf die innere Haltung kann für das eigene Handeln sehr ermutigen.
- Der Eindruck, dass die Welt um sie herum zumindest in den Grundzügen verstehbar und damit einigermaßen kontrollierbar bzw. handhabbar ist. Auch hier hilft die Erfahrung, dass gewünschte Ergebnisse erreichbar sind, wenn planvoll und willentlich gehandelt wird.
- Schließlich hilft es, wenn der Betreffende sich als Teil eines größeren Ganzen erlebt und sich von daher ein Gefühl von Sinn und Bedeutung für das eigene Handeln herausbildet.
In unseren Organisationen gibt es nicht wenige Menschen, die in der modernen Welt noch nicht richtig angekommen sind und die sich eher selbst zu verlieren drohen als kraftvoll und mit einem eigenen „Navigationssystem“ ausgestattet persönlichen Zielen und Orientierungen zu folgen. Hier liegt eine große Herausforderung für Führungskräfte, die auch solche Mitarbeiter mitnehmen und dafür selbst ein gutes Beispiel abgeben müssen. Eine Voraussetzung dafür ist auch bei ihnen das Vertrauen, unter anderem in die grundsätzliche Leistungsfähigkeit und Leistungsbereitschaft anscheinender „Low-Performer“, deren Mut und Optimismus noch verschüttet sind und zuerst einmal freigelegt werden müssen.
Es wird immer gleich ein bisschen anders, wenn man es ausspricht.
Hermann Hesse


