Strategien für einen guten Abstand zum Konflikt

Dr. Stefan Hölscher

Je heftiger Konfliktsituationen werden, umso mehr neigen sie dazu, dass man in ihnen einen guten Abstand zum Geschehen verliert bzw. zu verlieren droht. Man sitzt quasi auf dem Geschehen ‚drauf’, die Gedanken kreisen in wenig fruchtbaren Bahnen und das Blickfeld verengt sich mehr und mehr. Die nachfolgenden Strategien können helfen, auch in angespannten Situationen einen einigermaßen guten Abstand zum Geschehen zu bewahren. Wie so oft bei wirkungsvollen Handlungsstrategien ist keine dieser Strategien wirklich schwierig, Wichtig ist es aber sie tatsächlich zu tun, damit auf Kurs zu bleiben und die Ansprüche dabei nicht in den Himmel zu schrauben. Das alles setzt außerdem, um wirksam sein zu können, voraus, dass man wirklich einen besseren Abstand zum Geschehen bekommen will oder anders gesagt, dass, wenn man merkt, dass man ihn zu verlieren droht, man dem ernsthaft entgegensteuert. Tun bzw. als Maxime verfolgen lässt sich dann z.B. folgendes:

  • Sich die Erlaubnis geben, nicht „absolut cool, relaxed, souverän, unberührt ...“ sein zu müssen. Gefühle sind normal, erst recht in Konflikten.

    Wer in schwierigen, affektgeladenen und belastenden Konfliktsituationen grandiose Verhaltensweisen von sich verlangt, erhöht den inneren Druck und schwächt damit letzten Endes seine Wirkungskraft und damit zumeist auch seine Glaubwürdigkeit. Auch wenn man nicht mehr „absolut cool“ ist, wenn man angespannt oder unter Druck ist, Ängste oder Sorgen hat etc. ist man für gewöhnlich noch hinreichend handlungsfähig für die meisten Dinge des Alltags. Und wenn man dies tatsächlich einmal nicht mehr sein sollte, hilft im allgemeinen ein Break.

  • Sich sagen können: „Für jetzt / heute / hier habe ich alles gemacht, was ich tun kann. Für heute ist es gut.

    Jeder weiß aufgrund von langjähriger Erfahrung mit sich selbst, wann mehr nicht mehr bringt. Wenn dieser Punkt erreicht ist, bedeutet Weitermachen vor allem eines: systematische Selbstquälerei. Stattdessen ist es deutlich besser:

  • Sich aktiv etwas Gutes tun. Genießen.

    Was immer man wirklich gerne macht und was einen gleichzeitig auf andere Gedanken bringt, ist ein guter Kandidat, um Abstand zum Konflikt zu bekommen und wieder frische Energie und Ideen zu tanken.
  • Die Haltung: Was kann ich in dieser Situation lernen, worin liegt hier für mich die Chance?

    Sobald man statt zu leiden, zu kämpfen oder sich zu quälen ernsthaft darauf reflektiert, was einem die Situation und das eigene Handeln darin über einen selbst, die eigenen Bedürfnisse, Stärken, Schwächen und Entwicklungsthemen sagt, bekommt man automatisch eine andere Haltung und größeren Abstand zum Geschehen.
  • Die Frage: Wie werde ich wohl in 2 Tagen über das Ganze denken, wie in 6 Wochen, in 6 Monaten, in 6 oder 10 Jahren ...?

    Die meisten Probleme und Konflikte des Alltags relativieren sich sehr stark, wenn man sie im größeren Zeit- und Bedeutungszusammenhang des eigenen Lebens betrachtet. So manches, was heute sehr ärgerlich erscheint, ist Morgen schon kaum noch wahrnehmbar.

Was wie gut hilft, ist natürlich situations-, kontext- und natürlich auch personenabhängig. Durch Erfahrung wird man hier zunehmend besser lernen, etwas in der jeweiligen Situation Hilfreiches für sich zu finden. Zentral ist dabei, möglichst früh zu merken, dass die innere Dynamik in Richtung Abstandsverlust und Blickverengung geht und dann zu intervenieren. Ebenso zentral ist auch, ‚dranzubleiben’ mit den abstandsfördernden Strategien, sich auf das dadurch ausgelöste Erleben wirklich einzulassen und sich ‚(kleine) Rückfälle’ in das Wiederhochkochen der Konfliktgedanken zu gestatten – und zwar nicht nach der Devise: „Ich bin ein Versager. Auch den Abstand zum Konflikt kriege ich nicht hin;“ sondern nach der Devise: „Es ist normal, dass all diese Gedanken und Gefühle nicht mal eben wie weggeblasen sind, auch wenn ich meinen Fokus verändere. Aber so, wie sie gerade gekommen sind, werden sie auch wieder gehen, und ich werde mehr und mehr Energie haben für das, womit ich mich jetzt beschäftigen möchte ...“