Reflektieren
In Organisationen treffen sich Personen in der Regel, um gemeinsam etwas zu erarbeiten, ein Problem zu lösen, eine Entscheidung zu treffen oder einfach Informationen auszutauschen. Die meisten Menschen wissen oder spüren zumindest intuitiv, dass über die Bewältigung der Aufgabe und die Erreichung des Sachzieles hinaus noch andere Dinge „verhandelt“ werden, die den Arbeitsprozess positiv oder negativ beeinflussen können. Diese verdeckten Verhandlungen drehen sich z. B. um Fragen der Machtverteilung, der Zugehörigkeit zum System bzw. zu einzelnen Subsystemen, um informelle Strukturen und Prozesse sowie um die verschiedenen expliziten und impliziten Dynamiken in der Beziehungsgestaltung untereinander und können in Reflexionsprozessen entdeckt, verstanden und bearbeitet werden.
Der Artikel Reflektieren ist ein Auszug aus dem namensgleichen Beitrag des im August 2006 im Springer Verlag erscheinenden Metrion-Buchs Die Kunst gemeinsam zu handeln. Soziale Prozesse professionell steuern.
Reflektieren
Eine Reflexionsphase innerhalb eines sozialen Prozesses kann uns zu einem besseren Verständnis dieses „Anderen“ verhelfen. Reflexion ist ein auf die eigenen Handlungen und Gedanken gerichtetes, prüfendes Nachdenken. Reflexion auf der Metaebene setzt vorher gemachte Erfahrungen (Gefühle, Gedanken, Interpretationen) voraus, die es in der Reflexionsschleife zu betrachten gilt, um sie zu verstehen und daraus Rückschlüsse zu ziehen. Die Wiedereinspeisung der entstehenden Erkenntnisse in den Prozess beeinflusst das weitere Handeln. Indem wir Verständnis suchen für das Geschehen, können wir Zusammenhänge erkennen und aus den entstehenden Beschreibungen Schlüsse für das zukünftige Handeln in diesem und in zukünftigen Prozessen ziehen. Im Reflexionsprozess wird das Geschehen in der Zeit künstlich angehalten, durch eine reflexive Schleife geschickt, um dann Basis und Ausgangspunkt für neues Handeln zu sein. Reflexion bedarf also immer zumindest eines minimalen Handlungsaufschubes.
Innerhalb einer Gruppe ist es häufig schwierig, ohne einen konkreten Anstoß von „außen“ z. B. durch einen Moderator oder Prozessbegleiter die Reflexion des aktuellen Gruppengeschehens zum Thema zu machen. Einerseits kann es schwer fallen, als Beteiligter mitten im Geschehen innezuhalten, um aus einer beobachtenden distanzierten Perspektive das Geschehen, in das man selbst möglicherweise emotional involviert ist, zu beleuchten. Andererseits haben einzelne Gruppenmitglieder aus verschiedenen Gründen manchmal kein Interesse, eine Reflexionsphase einzuschieben. Es ist nicht immer unmittelbar einleuchtend, warum ein Nachdenken über die individuellen und kollektiven Handlungen, Gedanken und Empfindungen im Gruppenprozess hilfreich ist und auch dem eigenen persönlichen Interesse dienen kann. Reflexion wird nicht geschehen, wenn beispielsweise einzelne Beteiligte in einer Verhandlungssituation daran interessiert sind zu „gewinnen“, egal, was dieser Sieg für die andere Partei bedeutet.
Warum also sollten Menschen sich damit beschäftigen, bewusst zu erkunden, welche Dynamiken ihr Miteinander beispielsweise in einer Besprechung oder in einem Projektteam beeinflussen? In Organisationen ist es idealerweise Ziel eines Gruppenprozesses, eine gemeinsame Fortbewegung zu erreichen. Soziale Interaktionen verlaufen nicht eindeutig kalkulierbar, sondern bewegen sich einmal in diese, einmal in jene Richtung, machen manchmal einen Rückschritt oder eine Schleife. Das kann an unterschiedlichen Zielen und Absichten der Prozessteilnehmer liegen oder durch divergierende Ideen darüber, wie das angestrebte Ziel zu erreichen sei, begründet sein. Aufgrund dieser Unwägbarkeiten ist es nicht immer eindeutig, ob der Prozess sich in die gewünschte Richtung bewegt. Aus diesem Grund ist es empfehlenswert, das gemeinsame Handeln in regelmäßigen Abständen zu reflektieren, allerspätestens dann, wenn der Prozess in eine schwierige Phase läuft, z. B. angesichts von Blockaden, Frustrationen oder schlechter Stimmung. Das Einnehmen einer prüfenden Außenperspektive kann dann dazu verhelfen, Dinge neu zu strukturieren und zu sortieren. Blockaden können entfernt oder reduziert werden, subjektive Annahmen und Ansichten lassen sich überprüfen und möglicherweise verändern. Themen, die einer günstigen Entwicklung der Interaktion im Wege stehen, können benannt und bearbeitet werden.
Bei der Reflexion von sozialen Prozessen geht es um das Aufdecken, Verstehen und Bearbeiten so genannter mentaler Modelle. Alle Menschen machen sich im Laufe ihres Lebens unbewusst oder bewusst ein Bild davon, wie “die Welt“ funktioniert, welche Zusammenhänge existieren, in welcher Art sie ihr Leben leben und warum sie dies tun, warum andere Menschen andere Dinge tun usw. Jede neue Erfahrung verändert oder bestärkt diese vom Individuum selbst entwickelten mentalen Konstrukte, je nachdem wie die jeweilige Erfahrung vom Wahrnehmenden verstanden und eingeordnet wird. Mentale Modelle meinen nun genau jene subjektiven Konstruktionen im Sinne tief verwurzelter innerer Vorstellungen von „der Welt“, die uns an vertraute Denk- und Handlungsweisen binden. Die inneren Vorstellungen sind dabei bei jedem Menschen einzigartig, weil sie auf seinem persönlichen Erleben basieren. Mentale Modelle entstehen also durch Erfahrungen, deren Wahrnehmung und Bewertung wiederum beeinflusst ist durch vorherige Erfahrungen.
In sozialen Prozessen sind die mentalen Modelle der einzelnen Beteiligten nun insofern von Bedeutung, als die Wahrnehmung einer Situation oder eines sozialen Prozesses durch verschiedene Einzelpersonen kaum deckungsgleich sein kann. Dies wird jedoch besonders von in Hinblick auf soziale Dynamiken ungeschulten, stärker intuitiv handelnden Personen häufig vermutet. Ihr eigenes Verhalten basiert auf der Annahme, dass die Anderen die Situation genauso oder zumindest ähnlich wahrnehmen und verstehen wie sie selbst. Wahrscheinlicher ist es jedoch, dass dies gerade nicht der Fall ist und genau diese Annahme somit zu gravierenden Missverständnissen führen kann. Um festzustellen, ob diese unbewusst etablierten mentalen Konstruktionen möglicherweise zu einer Behinderung des Prozesses führen können, gilt es, diese im Reflexionsprozess bewusst zu machen.
So plausibel derartige Zusammenhänge über das Zusammenspiel von mentalen Modellen und Interaktionserfolgen bzw. deren Ausbleiben sind, so sehr kann man sich fragen, warum es denn so schwierig ist, die eigenen subjektiven mentalen Konstruktionen wahrzunehmen, zu verstehen, in Frage zu stellen und gegebenenfalls zu modifizieren.
Alles was Du sagst, sollte wahr sein. Aber nicht alles was wahr ist, solltes Du auch sagen.
Voltaire


