Begegnung mit Peter Wal
Als Yo an diesem Tag durch das Meer trieb, sah er irgendwann einen Wasserstrahl aus dem Meer schießen. Eine zweite, größere Wasserfontäne zischte kurz später nah bei seiner Eisscholle. Yo erkannte den grauen Umriss eines Wals im Wasser. Als der Wal auftauchte, spiegelte sich sein Rücken hell im Sonnenlicht. Dann erschien ein großer Kopf neben Yo und kleine Walaugen zwinkerten im hellen Licht.
„ Guten Tag“, sagte Yo.
„ Guten Tag“, sagte der Wal, „ich bin Peter. Was suchst du alleine im Meer, lieber Yo?“
Yo war verblüfft: „Woher kennst du meinen Namen?“
„ Ich kenne die Antarktis“, antwortete der Wal. „Und du bist Teil der Antarktis, nicht wahr. Was tust du hier?“ fragte der Wal noch einmal.
„ Ich bin auf der Suche nach dem Glück", sagte Yo. „Zwar weiß ich schon, dass ich die Gegenwart finden muss, um mich zu freuen. Aber wie mache ich das? Ich war nicht wirklich glücklich zu Hause, obwohl es auch da die Gegenwart gab."
Peter Wal fragte: „Was hielt dich davon ab, glücklich zu sein?“
Yo dachte laut nach: „Zunächst einmal hielt mich vom Glück ab, dass ich zu wenig Zeit hatte.“ Und dann erzählte er Peter Wal, wie er immer mehr Fische fing und dabei aber seine Zeit verlor, in der er früher Spaß gehabt hatte: „Ich habe zu wenig Zeit, mein Leben ist hektisch. Und ich muss mir immer schon Sorgen machen, was morgen kommt. Die Zukunft ist ungewiss und man muss planen, um sich vor ihr zu schützen. Eines Tages könnte es nicht mehr genug Fische zum Fangen geben. Peter Wal, wo kann ich mehr Zeit bekommen?“
Peter Wal runzelte die Stirn und meinte: „Wozu brauchst du mehr Zeit, Yo?“
Yo sagte: „Ich brauche mehr Zeit, weil ich mehr tun möchte. Ich möchte mehr Fische fangen. Und mehr Hütten bauen. Deswegen lebe ich schneller: Ich esse schneller und ich fische schneller. Aber trotzdem reicht die Zeit am Ende des Tages nie. Ich habe umso weniger davon, je schneller ich werde, ist das nicht seltsam?“
Peter Wal musste lachen: „Eine Stunde ist keine Stunde. Sie kann schnell vergehen und sie kann langsam vergehen, das hast du schon bemerkt. Was passiert, wenn du sie mit mehr Aktivität füllst? Die Stunde wird kürzer, nicht länger. Yo, du bemühst dich, mehr in eine Stunde zu füllen. Und du brauchst viel dafür: mehr Fische, mehr Freunde, mehr Erlebnisse. Aber anstatt reicher zu werden, wie du annehmen würdest, weil du mehr schaffst, wirst du ärmer. Du meinst, Zeit zu sparen. Aber Zeit kann man nicht sparen. Man muss sie im Gegenteil loslassen. Wenn du schneller schwimmst, bist du schneller am Ziel. Aber hast du dadurch mehr Zeit? Nein, du hast das Erlebnis des Schwimmens verloren.“
Yo sah verständnislos. Sein Gefühl sagte ihm, dass das, was Peter Wal sagte, stimmte. Aber sein Verstand wollte es noch nicht glauben. Peter fuhr fort: “Wenn du schneller fischst, dann hast du schneller mehr Fische. Und dann: Dann kannst du schneller eine neue Hütte bauen. Und am Ende kannst du dich vielleicht vor die Hütte setzen und die Zeit genießen. Aber auf dem Weg dahin: Was ist passiert? Du hast die Gegenwart verloren. Denn indem du alles schneller getan hast, hattest du ja keine Zeit mehr für die Gegenwart. Und deswegen kam es dir so vor, als hättest du zu wenig Zeit. Richtig: Du hattest zu wenig Zeit. Du wolltest schneller die Zukunft haben, nämlich deine Fische. Du hast also deine Gegenwart eingetauscht gegen Hoffnung auf Zukunft. Ein schlechter Tausch. Weißt du, warum?“
Yo war ratlos. Aber er wollte wissen, warum.
„ Ich verrate dir das Geheimnis des Meeres", sagte Peter, der Wal, „Zukunft und Vergangenheit gibt es gar nicht. Es gibt nur die Gegenwart. Siehst du das Meer, Yo? Was du siehst, ist das Meer im Augenblick. Das Meer, wie es vorher war, gibt es nicht mehr. Und das Meer, wie es später sein wird, gibt es noch nicht. Und wenn es später sein wird, dann ist das Meer wieder nur so, wie es im späteren Augenblick sein wird. Es gibt also jetzt nur die Gegenwart. Yo, denke bitte nach: was passiert, wenn du die Gegenwart verlierst, weil du schon für die Zukunft lebst? Du verlierst Zeit. Denn die Zukunft, für die du die Gegenwart eingetauscht hast, gibt es gar nicht. Kein guter Tausch. Wenn dich also vom Erreichen deines Glücks die Zeit abhält, dann erinnere dich daran: Zeit ist genug da. Vom Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang hast du 43.200 Sekunden voll Gegenwart. Die Gegenwart mag dir nur als Augenblick erscheinen, aber in diesem Augenblick existiert die ganze Welt. Setz dich nun hin und beobachte einmal das Meer. Du wirst bemerken, wie viel Zeit du hast. Aber ich weiß auch, du wirst weiterreisen. Beobachte, was dich aus dem Augenblick fortzieht. Wir werden uns wieder sehen, Yo."
Und damit tauchte Peter, der Wal, unter. Sein grauer Schatten versank langsam im Wasser. Yo saß auf seiner Eisscholle und dachte nach, was er gelernt hatte. Damit er es nicht wieder vergessen könne, schrieb er mit einem Eisstück ins Eis: Der Augenblick ist das Tor zur Zeit.
Jörg Zobel: Yo – eine Reise zum Glück. Hanser Verlag, 2004
Alles was Du sagst, sollte wahr sein. Aber nicht alles was wahr ist, solltes Du auch sagen.
Voltaire


