Reich an Fähigkeit

Dr. Stefan Hölscher

[Der folgende Artikel ist ein Vorabdruck aus dem von Stefan Hölscher im Herbst 2011 im Junfermann Verlag erscheinenden Buch Leben mit Drive.]

Stellen Sie sich vor, Sie sind schier unermesslich reich an Fähigkeiten. Sie schwelgen geradezu in ihnen. Sie sind wie ein Großgrundbesitzer persönlicher Kompetenzen mit gleichermaßen umfangreichen wie wertvollen Besitzungen. Wo immer Sie hingehen, Sie bewegen sich auf dem Terrain Ihrer eigenen Stärken. Was immer Sie tun, zeigt Ihren Reichtum. Sie sind so üppig ausgestattet mit Fähigkeiten, dass Sie gar nicht mehr alle von ihnen im Einzelnen kennen. Oft merken Sie gar nicht, welche Stärke von Ihnen gerade in Erscheinung tritt, sich mit anderen Stärken verbindet oder neu hinzugekommen ist. Zwar sieht man Sie manchmal an dem, was Sie können, – mehr oder weniger hart – arbeiten, und kann sich so vielleicht einen Teil Ihres Reichtums erklären. Oft scheinen Sie aber höchstens einen kleinen Wink zu geben, und dann arbeiten Ihre Fähigkeiten für Sie – ganz wie von selbst. So wirken Sie fast wie ein Magier, jemand mit einzigartigen Gaben, deren Ursprung und Wirkung auf kaum erklärbare Umstände zurückzuführen sein muss.

Wie finden Sie eine solche Vorstellung? Interessant, schillernd, märchenhaft oder eher seltsam, unrealistisch oder abwegig? – Man könnte sagen, wir beschreiben mit dieser Vorstellung nichts anderes als die Realität – jedenfalls so, wie man sie auch beschreiben könnte.

Wenn ich nutzen will, was ich kann, ist es gut zu wissen, was ich alles kann. Und dafür ist es gut zu sehen, dass sich in allem, was ich erlebe und tue, auch Kompetenzen von mir zeigen. Das mag vielleicht erstaunlich klingen. Denn natürlich sind wir gewohnt zu sagen, dass sich in bestimmten Handlungen Kompetenzen zeigen. Beispielsweise können wir feststellen: „Jemand zeigt, dass er manuell äußerst geschickt ist. Jemand zeigt, dass er andere mit seinen Worten trefflich überzeugen kann. Jemand zeigt, dass er ein erstaunlich gutes räumliches Vorstellungsvermögen hat.“ Aber andererseits stellen wir natürlich auch fest: „Jemand zeigt, dass er technisch nicht geschickt ist. Jemand zeigt, dass er wenig kompetent in der Kontaktgestaltung oder als Redner ist. Jemand zeigt, dass er nicht gut Auto fahren kann.“ Wir erleben also immer wieder Situationen, in denen sich uns bei anderen oder auch bei uns selbst der Eindruck von mangelnden oder ganz fehlenden Kompetenzen aufdrängt. Wie also kann es dann sein, dass sich – egal, was man tut – eigene Kompetenzen darin ausrücken? Dies ist offenbar eine Frage der Betrachtungsweise, denn unbestreitbar kann ich meinen Blick auf Defizite lenken; ich kann schauen, welche Kompetenzen in diesem Fall vielleicht nach meiner Vorstellung stärker da sein sollten als sie es anscheinend sind. Ich kann meinen Blick allerdings auch darauf richten, welche besonderen Stärken sich im Kontext einer bestimmten Handlung manifestieren. Und dies ist kein plumper Trick, sondern eine andere Ausrichtung meiner Aufmerksamkeit – eine mit interessanten Folgen.

In jedem Handeln und Tun zeigen sich wichtige Fähigkeiten und Stärken.

Lassen Sie uns dazu ein paar Beispiele anschauen, die jedenfalls für gewöhnlich eher mit Gedanken an mangelnde statt an vorhandene Fähigkeiten assoziiert würden:

  • Ein Manager berichtet, dass er in manchen Gruppen-Gesprächssituationen, besonders dann, wenn er andere als „politisch taktierend und unsachlich“ erlebt, bisweilen „sehr direkt und lautstark“ wird, was er selbst zumindest im Nachhinein nicht gut findet. Zeigt sich hierin eine mangelnde Kompetenz im Umgang mit komplexen sozialen Situationen und der in ihnen liegenden Spannung? – Dies kann man sicher so sehen. Und natürlich kann der Manager, was auch sein Anliegen war, an diesen Verhaltensweisen arbeiten, um sein Repertoire für solche Situationen zu erweitern. Bei der Betrachtung der Situation lassen sich jedoch zugleich auch verschiedene Stärken des Managers erkennen: die Stärke geradlinig und direkt zu sein, das Engagement für Sachfortschritt und Effektivität und nicht zuletzt die Fähigkeit zur kritischen Reflexion des eigenen Verhaltens verbunden mit einer ernsthaften Lern- und Weiterentwicklungsabsicht. Diese Stärken im Kontext der beschriebenen Verhaltensweise zu sehen, macht es leichter, zu realistischen und tragfähigen Erweiterungen des Verhaltensrepertoires zu kommen. Vor allem wird damit aber auch deutlich, dass das gezeigte Verhalten in gewisser Hinsicht sehr funktional und nicht einfach nur „inkompetent und defizitär“ ist.
  • Eine Managerin hatte im Vorfeld zu einem Assessment Verfahren, das in Ihrem Unternehmen für den nächsten Karriereschritt entscheidend war, ein Coaching begonnen, um an bestimmten persönlichen Themen zu arbeiten. Am Ende des Verfahrens bekam sie die Rückmeldung, dass man sie auf der Basis der von Ihr während des Assessment Centers gewonnen Eindrücke von ihrem Kompetenzprofil her nicht bei denjenigen sehe, die für den entsprechenden Karriereschritt infrage kämen. Ist in dieser Situation nun primär ein Nicht-Erreichen eines erwarteten Kompetenzniveaus deutlich geworden? – Aus Sicht des Unternehmens lässt sich dies vielleicht bejahen. Und natürlich befand sich auch die betreffende Managerin nach dem Feedback nicht in einem Kompetenzgefühlserfolgsrausch. Gleichzeitig sind auch im Zusammenhang dieser Situation wichtige Stärken dieser Managerin evident geworden: Obwohl es schon von Anfang an fraglich war, wie stark ihre Erfolgsaussichten waren, hatte die Managerin den Schritt in das Verfahren mutig versucht. Auch hatte sie an persönlichen Entwicklungsthemen mit Relevanz für den angestrebten Karriereschritt im Coaching sehr ernsthaft und nicht nur in Hinblick auf ‚Assessmenttauglichkeit‘ gearbeitet. Von daher äußerte sie auch schon kurze Zeit nach dem an Sie ergangenen Feedback, dass sich die Beschäftigung mit ihren Themen im Coaching für sie ganz unabhängig vom Assessment Center Ergebnis gelohnt habe. Schließlich brauchte die Managerin zwar ein paar Tage nach dem Feedback, um das Ganze zu verdauen und sich sammeln zu können. Dann aber sagte sie, sie habe nun mehr Klarheit gewonnen und sei entschlossen, mit voller Kraft auf ihrer jetzigen Ebene weiter zu arbeiten und für sich und ihr Umfeld das Beste daraus zu machen. In einer Situation, die zunächst gerade durch das Nichterreichen von Kompetenzerwartungen geprägt zu sein schien, kann man all dies, wie ich finde, als beeindruckende Kompetenzmanifestationen betrachten.
  • Ein sehr erfahrener Experte erzählte mir, dass wann immer er sich mit einem ihm neu übertragenen kritischen Thema beschäftigen wolle, er sich „schlagartig wie gelähmt“ fühle und daher überhaupt nicht mit dem Thema vorwärts käme. Sieht so Kompetenz aus? – Sie kann. Im Gespräch stellte sich schnell heraus, dass der Experte in den letzten Monaten durch eine Fülle hoch-komplexer und schwieriger Themen ständig weit über seine Belastungsgrenze hinaus gearbeitet hatte. Das Gefühl angesichts des neuen Themas wie gelähmt zu sein, kann man vor diesem Hintergrund verstehen als sehr deutliches psycho-phyisches Signal, dass dieses Thema die Kapazitätsgrenze nun endgültig übersteigt – jedenfalls jetzt und in der gegebenen Art und Weise. Die Lähmung wäre dann durchaus auch eine Fähigkeit, nämlich eine der Leistungs- oder schärfer gesagt der Überlebensregulation.

Wenn wir gerade auch in Situationen, in denen wir ein Verhalten von uns oder einem anderen als kritisch, nicht angemessen oder nicht erfolgreich erachten, darauf schauen, welche Fähigkeiten und Stärken im Zusammenhang mit dem jeweiligen Verhalten erkennbar sind, so eröffnen sich uns wichtige Möglichkeiten:

  • Wir können das gezeigte Verhalten besser einordnen.
  • Wir bekommen die Chance besser zu verstehen, inwiefern ein solches Verhalten funktional und sinnvoll ist (selbst wenn es vielleicht über das Ziel hinausschießen sollte).
  • Wir können das Verhalten und dadurch uns selbst oder den anderen besser würdigen.
  • Wir gewinnen wertvolle Ansatzpunkte für gegebenenfalls anstehende Veränderungen und erfahren mehr über Fähigkeiten, die für eine erfolgreiche Umsetzung wesentlich sind.

All dies bedeutet nicht, die Dinge ‚auf Teufel komm raus schön zu reden‘. Ich darf sehr wohl über das reflektieren, was ich im Verhalten von mir oder einem anderen nicht gut, kritisch oder unangemessen finde. Ich darf darüber reflektieren, was in meinen Augen veränderungsfähig oder veränderungsnötig ist. Und ich darf betrübt, traurig, verletzt, schockiert oder schlicht ratlos sein angesichts dessen, was ich in der jeweiligen Situation erlebt habe. Der Punkt ist, ob ich bei dieser Art von Betrachtung bleibe und das Ganze nun vor allem defizitär bewerte oder ob es mir – zumindest nach einer Weile – gelingt, auch die im Zusammenhang des Geschehens sich zeigenden Fähigkeiten und Stärken wahrzunehmen.
Um gut weiterzukommen und erst recht, um konstruktive Veränderungsziele zu erreichen, braucht es Fähigkeiten und keine Unfähigkeiten. Auf mangelnder oder nicht vorhandener Kompetenz lässt sich wenig gründen; auf Fähigkeiten und Stärken dafür umso mehr. Fähigkeiten und Stärken sind, egal was passiert immer mit im Spiel und sozusagen auch immer schon direkt vor Ort. Ich muss nur meinen Blick auf sie lenken, und schon werden sie sichtbar und lassen sich – wunderbarerweise – nutzen: für eine produktive Weiterentwicklung und die Entfaltung von Drive.

Je mehr es mir gelingt, die im Zusammenhang mit einem Verhalten gezeigten Fähigkeiten und Stärken wahrzunehmen, umso mehr eröffne ich mir die Chance, das Verhalten zu verstehen, zu würdigen sowie Fähigkeiten für eine gute Weiterentwicklung zu aktivieren. Dies gilt in Hinblick auf mein eigenes Handeln genauso wie in Hinblick auf das Verhalten von anderen.


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